Hund im Schnee hört nicht mehr? So beeinflusst Schnee den Geruchssinn

Hund mit Nase im Schnee

Hund im Schnee hört nicht mehr? So beeinflusst Schnee den Geruchssinn

Sobald Schnee liegt, scheint der Hund plötzlich schwerer ansprechbar zu sein. Rückruf funktioniert nicht mehr, die so mühsam trainierte Leinenführigkeit ist dahin, der Hund bleibt an jeder Ecke stehen, schnüffelt intensiv und wirkt wie in einer eigenen Welt.

Eigentlich habe ich mich auf einen wunderschönen Schneespaziergang gefreut und stattdessen werde ich jetzt völlig rücksichtslos durch verschneites Gebüsch gezerrt und an Ableinen ist sowieso nicht mehr zu denken?

Mit halb erfrorenen Fingern kralle ich mich an der Schleppleine fest.

Der Eindruck entsteht schnell, dass urplötzliche alle Hunde kollektiv in den Streik gegangen sind und nicht mehr hören und nur noch abgelenkt sind.

Tatsächlich steckt dahinter kein Trainingsproblem und auch kein plötzlicher Ungehorsam, sondern ein gut erklärbarer physikalischer Effekt, dem dein Hund kaum widerstehen kann. Schnee verändert die Bedingungen, unter denen Gerüche entstehen und sich ausbreiten.

Dein Hund riecht nicht plötzlich besser und ist heute auch nicht besonders stur. Die Umwelt macht Gerüche besser lesbar und damit ist dein Hund einer viel stärkeren Reizintensität ausgesetzt.

Warum Hunde im Schnee stärker schnüffeln

Der Geruchssinn des Hundes funktioniert nicht isoliert. Ob ein Geruch wahrnehmbar ist, hängt stark von äußeren Faktoren ab: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung und Konkurrenzgerüche bestimmen, wie stabil eine Geruchsspur ist.

Schnee verändert all diese Parameter gleichzeitig.

Kalte Luft hält Gerüche bodennah

Kalte Luft ist dichter als warme. Dichtere Luft bedeutet geringere Durchmischung und weniger aufsteigende Thermik. Geruchsfahnen steigen nicht so stark nach oben, sondern bleiben näher am Boden.

Genau dort arbeitet dein Hund mit seiner Nase. Er findet quasi geruchliche Traumbedingungen vor.

Im Sommer werden Gerüche schneller nach oben gezogen und durch Luftbewegung zerstreut. Im Winter bleiben sie flacher, stabiler und räumlich besser strukturiert.

Für deinen Hund ist das wie ein klareres Geruchsbild.

Feuchtigkeit stabilisiert Geruchsmoleküle

Schnee erhöht die Luftfeuchtigkeit. Feuchte Luft bindet viele geruchsrelevante Moleküle besser als trockene. Flüchtige Substanzen zerfallen langsamer, bleiben länger in der Luft und sind gleichmäßiger verteilt.

Aus der Spürhundeforschung ist bekannt, dass Hunde bei höherer Luftfeuchtigkeit zuverlässiger arbeiten. Die Geruchsinformation bleibt physikalisch stabiler verfügbar.

Schnee schafft genau diese Bedingungen.

Weniger Hintergrundgerüche verbessern die Wahrnehmung

Schnee deckt große Teile der natürlichen Geruchsquellen ab. Pflanzen, Erde, Mikroorganismen und organische Zersetzung werden stark reduziert.

Das senkt die Anzahl konkurrierender Gerüche massiv.

Für die Hundenase bedeutet das ein besseres „Signal-Rausch Verhältnis“. Nicht mehr Gerüche, sondern weniger Störgerüche. Einzelne, besonders spannende Spuren lassen sich klarer von der Umgebung trennen.

In der Wahrnehmungspsychologie gilt genau das als einer der wichtigsten Faktoren für sensorische Leistungsfähigkeit.

Kälte konserviert Geruchsspuren

Geruchsspuren bestehen nicht nur aus flüchtigen Molekülen, sondern auch aus stabileren Bestandteilen wie Hautlipiden, Fettsäuren, Bakterienprodukten und Zellresten.

Kälte und Feuchtigkeit verlangsamen deren Abbau. Verdunstung, Oxidation und mikrobieller Zerfall laufen deutlich langsamer ab als bei warmen Temperaturen.

Dadurch bleiben Spuren im Schnee oft über viele Stunden oder sogar Tage lesbar, während sie bei Wärme deutlich schneller verschwinden.

Dank der forensischen Forschung ist dieser Effekt ebenfalls gut dokumentiert: Kalte Umgebungen konservieren Geruch.

❄️ Warum dein Hund im Schnee schlechter abrufbar wirkt

Wenn Gerüche klarer, stabiler und länger verfügbar sind, bedeutet das für deinen Hund eine massive Reizverstärkung.

Dein Hund ist nicht unaufmerksam, sondern einfach hoch fokussiert auf eine sensorisch extrem relevante Informationsquelle. Für das Hundegehirn ist Geruch eine der wichtigsten Umweltinformationen überhaupt.

Das führt dazu, dass visuelle und akustische Reize wie Stimme, Pfeifen oder Körpersprache kurzfristig an Bedeutung verlieren.

Der Hund hört nicht schlechter, sein Gehirn ist einfach vollkommen und viel stärker mit Geruchs-Reiz-Verarbeitung beschäftigt. Er filtert Reize anders und verabschiedet sich in diesen Tagen einfach häufiger und tiefer in eine Welt, zu der wir Menschen keinen Zugang haben.

Wann Schnee die Geruchsleistung verschlechtert

Bei sehr starkem Frost, etwa unter minus zehn bis minus fünfzehn Grad, kehrt sich der Effekt um.

Flüchtige Geruchsmoleküle verdampfen kaum noch. Die Luft wird sehr trocken. Schleimhäute trocknen aus. Die chemischen Prozesse, die Geruch transportierbar machen, kommen zum Erliegen.

In diesen Bedingungen sinkt die reale Geruchsleistung, nicht weil der Hund schlechter riecht, sondern weil schlicht weniger Geruchsinformation physikalisch verfügbar ist.

Merke: Ab minus zehn Grad wird Spazierengehen dann wieder entspannter ! 🤡

Die entscheidende Erkenntnis

Hunde riechen im Schnee nicht besser, weil ihre Nase leistungsfähiger wird.

Sie riechen besser, weil Schnee die Umweltbedingungen für Gerüche optimiert. Dichtere Luft, höhere Feuchtigkeit, weniger Störgerüche und langsamere Zersetzung machen Spuren stabiler und leichter lesbar.

Schnee verändert nicht den Hund. Schnee verändert die Physik der Gerüche.

Dadurch findet dein Hund einfach ideale Bedingungen vor, um seine besonderen Fähigkeiten (Riechleistung) besonders schön nutzen zu können und manch ein Wauzi gibt sich diesen optimalen Geruchsbedingungen mit Wonne hin.

Wie gehe ich damit um?

  • Ich konzentriere mich auf das Wesentliche und erwarte keine Perfektion: Grundregeln müssen eingehalten werden, aber eben die „unkomplizierte Variante“ davon. 
  • Ich nutze eine Schleppleine und gebe meinem Hund viel Zeit, in aller Ruhe zu schnüffeln. Dabei teste ich gelegentlich seine Ansprechbarkeit (eine der ersten Fähigkeiten, die ich mit einem Hund trainiere und die er jetzt schon bereits beherrscht, andernfalls würde ich von meinem Hund in so einer Situation sowieso garnichts erwarten) und belohne großzügig und zusätzlich funktional.
  • Die lange Leine nutze ich auch, um nicht dauernd über Leinenführigkeit diskutieren zu müssen. Das ist einfach gerade (oft noch kein) Moment für das Durchsetzen von Fußgehen und eine lange Leine reduziert die Fehlerquote (und meinen Frust) enorm.
  • Ist mein Hund so abgelenkt, dass er dauernd vorne in der Schleppleine hängt, beschäftige ich meinen Hund noch bevor es zum Leinenzerren kommt, mit Ansprechbarkeitsübungen und Umlenken. Fortgeschrittene können das Schnüffeln auch als funktionalen Verstärker für’s Ansprechbarsein oder regelmäßige Check-Ins nutzen.

Falls dein Hund vollkommen außer sich ist

Vielleicht ist das dein Wake-up-Call? Denn das Verhalten deines Hundes zeigt auch eins sehr deutlich: Schnüffeln macht Spaß und wird offenbar mit Leidenschaft betrieben. Möglicherweise kommt das in eurem Alltag ansonsten viel zu kurz. Oftmals wird Hunden viel zu häufig und zu oft das Schnüffeln und Verfolgen von Gerüchen verboten. Meist aus Angst, die Kontrolle zu verlieren oder Jagdverhalten zu fördern. Das ist oftmals auch berechtigt, denn seinen Hund planlos jeder Fährte nachgehen zu lassen wird früher oder später zum regelmäßigen Hetzen und Wildern führen.

Mit einem gut aufgesetzten Trainingsplan und einigen, simplen Maßnahmen kann man seinem Hund das Schnüffeln erlauben und gleichzeitig sogar Abrufbarkeit und Kooperationsbereitschaft fördern.

Quellen und weiterführende Literatur

Die Welt der Gerüche: Spezial-Spürhunde im Einsatz Gebundene Ausgabe – 19. April 2017; von Prof. Dr. Frank Rosell 

Spektrum-Podcast | Hunde, So funktionieren Geruchssinn und Gehirn bei Hunden

Spurensuche: Nasenarbeit Schritt für Schritt, 16. Juni 2005 von Anne L Kvam

Wilson, D. A. & Stevenson, R. J. (2006). Learning to Smell: Olfactory Perception from Neurobiology to Behavior. Johns Hopkins University Press.

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