Ist verantwortungsvolle Zucht auch Tierschutz?

Hundetrainerin arbeitet mit Tierschutzhund im Training — Artikel über Hundezucht und Tierschutz

Ist verantwortungsvolle Zucht auch Tierschutz?

Kürzlich tauchte auf einem Socialmedia-Profil einer Hundetrainerin die Aussage auf, verantwortungsvolle Zucht sei selbst eine Form von Tierschutz. Die betreffende Hundetrainerin hält selbst mehrere Hunde aus Tierschutz und Zucht und möchte nun selbst züchten. Bislang hat sie kritische Fragen unbeantwortet gelassen und nun erklärt, weshalb sie ihre Entscheidung zur Zucht trotz überquellender Tierheime und immer mehr ungewollten Hunden für einen Beitrag zum Tierschutz hält. 

Moment. Was? Das erscheint mir doch nach einem sehr dünnen Brett, dass da gebohrt wird. Oder bin ich selbst verbohrte Tierschützerin?

Ich bin dem mal nachgegangen und habe mich mit den von ihr (und anderen ZüchterInnen) genannten Argumenten beschäftigt.

Begründet wird die Entscheidung zur Zucht und die Aussage „Seriöse Zucht ist Tierschutz“ mit folgenden Argumenten:

  • Ziel sei ein gesunder, stabiler Hund
  • gute Genetik verhindere spätere Probleme
  • solche Hunde würden seltener im Tierheim landen
  • nicht jede Person sei geeignet für einen Tierschutzhund
  • moralische Slogans wie „Adopt don’t shop“ seien zu einfach gedacht

Und ja, einige dieser Punkte haben Substanz.

Nur folgt daraus nicht automatisch das, was oft daraus gemacht wird.

Nämlich diese Gleichung:

Verantwortungsvolle Zucht = Tierschutz

Und genau hier lohnt sich ein nüchterner Blick.

Tierschutz schützt vorhandene Tiere. Er produziert keine neuen.

Das ist der zentrale Punkt auf den sich wirklich Alle einigen können.

Tierschutz bedeutet fachlich und rechtlich, Leid bei bestehenden Tieren zu verhindern oder zu reduzieren.
Nicht neue Tiere zu erschaffen. Egal wie gut geplant, untersucht oder sozialisiert.

Man kann Zucht verantwortungsvoll betreiben.
Man kann Zucht sorgfältig durchführen.
Man kann Zucht sinnvoll begründen.

Aber:

Das macht sie nicht zu Tierschutz.

Zucht erzeugt zusätzliche Individuen mit eigenen Risiken.
Krankheit. Fehlanpassung. Abgabe. Lebensumstände, die niemand kontrolliert.

Und sie betrifft immer auch Zuchttiere selbst.

Das ist keine moralische Wertung.
Das ist schlicht eine kategoriale Trennung.

„Gut gezüchtete Hunde landen nicht im Tierheim“ Ein sehr bequemes Narrativ

Das klingt logisch.
Ist aber wissenschaftlich nur begrenzt haltbar.

Abgaben entstehen überwiegend nicht wegen Genetik oder Herkunft, sondern wegen menschlicher Faktoren:

  • Trennung
  • Umzug
  • Zeitmangel
  • finanzielle Belastung
  • unrealistische Erwartungen

Kurz gesagt:

Die größte Variable im System Hundehaltung ist nicht der Hund.
Es ist der Mensch.

Zucht kann Risiken beeinflussen.
Sie kann sie nicht eliminieren.
Und sie adressiert nicht die Hauptursachen, die tatsächlich zu überfüllten Tierheimen führen.

Wenn Prävention ernst gemeint ist, liegt sie hier:

  • Aufklärung vor Anschaffung
  • Matching
  • Erwartungsmanagement
  • Nachbetreuung
  • Training

Nicht in genetischer Optimierung. 

Verhalten ist kein Produktkatalog

Ein weiterer beliebter Gedanke:

Planbare Eigenschaften → planbare Hunde → weniger Probleme.

Die Realität:

Verhalten entsteht aus einem komplexen Zusammenspiel aus

  • Genetik
  • pränatalen Einflüssen
  • Umwelt
  • Lernerfahrungen
  • Stress
  • Gesundheit
  • Haltung

Selbst hervorragend aufgezogene Hunde können Probleme entwickeln.

Zucht reduziert Unsicherheit.
Sie eliminiert sie nicht.

Wer etwas anderes verkauft, verkauft eher ein Sicherheitsgefühl als eine Realität und verleugnet, dass selbst solide Zuchtlinien mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, nicht mit Garantien. 

„Nicht jeder Mensch ist für einen Tierschutzhund geeignet“

Stimmt.

Absolut.

Nur folgt daraus nicht automatisch:

Dann ist Zucht Tierschutz.

Es folgt daraus:

Menschen brauchen bessere Entscheidungsgrundlagen.

Das ist ein Unterschied.

Die wirksamste Prävention liegt in:

  • ehrlicher Beratung
  • realistischen Erwartungen
  • Kompetenzentwicklung
  • langfristiger Begleitung

Das ist Tierschutz.

Nicht der Erwerbsweg allein.

Der emotionale Welpenwunsch

Menschen möchten Welpen aufziehen.
Bindung erleben. Entwicklung begleiten.

Völlig legitim.

Nur:

Das ist eine emotionale Motivation.
Keine tierschutzfachliche Kategorie.

Wenn daraus ein Tierschutzargument konstruiert wird, verschiebt sich die Debatte von Verantwortung hin zu Konsumentenbedürfnissen (oder ZüchterInnenbedürfnissen).

Und das hilft am Ende niemandem.
Am wenigsten den Hunden.

Fazit

Verantwortungsvolle Zucht kann:

  • legitim sein
  • sinnvoll sein
  • verantwortungsvoll umgesetzt werden

Aber sie ist nicht Tierschutz.

Die stärksten Beiträge zum Tierschutz entstehen durch:

  • Vermeidung von Leid bei bestehenden Tieren
  • Aufklärung
  • Matching
  • langfristige Begleitung von Halterinnen
  • Training und Kompetenzaufbau

Nicht durch die Produktion neuer Individuen. Egal wie sorgfältig.

Oder kürzer:

Kompetenz schützt Hunde mehr als Herkunft.

Und genau dort sollte die Diskussion geführt werden.

Ich persönlich halte die Aussage „verantwortungsvolle Zucht ist Tierschutz“ und das öffentliche „Hinargumentieren“ der persönlichen oder wirtschaftlichen Interessen hin zu einem wertvollen Beitrag zum Tierschutz für unseriös.

Ich verurteile weder Menschen, die sich bewusst für einen sehr wahrscheinlich passenden Hund aus einer verantwortunsgvollen Zucht entscheiden, noch Zuchtstätten die verantwortungsvolle Zucht betreiben. 

Ich gebe allerdings zu bedenken: Wenn mein Leben, mein Beruf oder meine persönlichen und familiären Bedürfnisse erfordern, dass ein zukünftiger Hund ganz spezielle Anforderungen erfüllen können muss, sollte ich ernsthaft hinterfragen, ob dann ausgerechnet ein Welpe die richtige Wahl ist. Denn genau hier empfehle ich eher einen erwachsenen Hund, der genau diese Erwartungen bereits sicher erfüllt. Der sicher alleine bleibt, andere Hunde mag, Kinder toll findet, Stadt nicht stressig findet oder was auch immer man sich vorstellt.

Wenn der Hund all das garnicht erfüllen muss, sondern bestimmte optische oder körperliche Erwartungen im Vordergrund der Anschaffung stehen und Fähigkeiten oder Wesenszüge eher nebensächlich sind, dann…also dann wären wir bei der Frage: Wie verantwortungsvoll kann eine Hundeanschaffung sein, wenn Optik wichtiger sind, als Wesen? Welche verantwortungsvolle ZüchterIn würde an Jemanden mit diesen Kriterien einen mühevoll aufgezogenen Welpen verkaufen?

Ich finde keinen passenden Hund im Tierschutz

Das ist wirklich ein nachvollziehbares Argument. Es ist wirklich nicht leicht, einen passenden Hund zu finden, wenn man eng gesteckte Kriterien hat. Aber es ist nicht unmöglich.

Ich möchte dabei auch zum Reflektieren einladen: Bin ich denn die geeignete Person für den Hund, den ich mir erträume? Ist der Grund, dass ich im Tierschutz beim besten Willen keinen passenden Hund finden vielleicht auch, dass ich unrealistische Erwartungen habe? Gibt mein Leben vielleicht kein geeignetes Umfeld für einen Hund, ein fühlendes Lebewesen, ein soziales, lebenslang lernendes und sich veränderndes Lebewesen her?

Habe ich mir gut überlegt, dass auch der perfekt passende Hund eines Tages krank, alt oder einfach anders werden kann? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich diesen Hund dann noch behalten kann oder will?

Das, was einen Hund aus verantwortungsvoller Zucht von einem Hund aus dem Tierschutz unterscheidet ist eine einzige Person, die festgestellt hat, dass sie diesen Hund nicht behalten möchte oder kann. Zack: Tierschutzhund. 

 

 

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